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Franz Alt trifft Dalai Lama: Der Dalai Lama, die unterschätzte Supermacht

Franz Alt trifft Dalai Lama: Der Dalai Lama, die unterschätzte Supermacht„Der Gott zum Anfassen“ hat ihn der „Spiegel“ genannt.

Auf diesen zweifelhaften Titel angesprochen, lacht der Dalai Lama sein gurgelndes Lachen und meint schließlich: „Die Leute im Westen verstehen nicht viel vom Buddhismus. Erstens kennen wir keinen persönlichen Gott und zweitens bin ich ein einfacher Mönch.“

Franz Alt trifft Dalai Lama: Der Dalai Lama, die unterschätzte SupermachtUnd was denkt er über die meist gebrauchte Anrede für ihn, „Heiligkeit“? „Das ist doch Blödsinn.“ Und wenn einer wissen will, ob er „als Gottkönig über heilende Kräfte verfüge“ scherzt „Seine Heiligkeit“ ziemlich derb: „Wenn ich tatsächlich über Heilkräfte verfügen würde, täte mir mein linkes Knie im Augenblick nicht so weh. Aber das ist leider so.“

Eine Woche lang erläuterte der Dalai Lama in Hamburg den buddhistischen Weg zum gewaltlosen Glück. Über 60.000 Menschen kamen – aus ganz Westeuropa. Da sind viele Projektionen glaubenshungriger Europäer auf einem „Papst“ im Spiel, der in vielem das Gegenteil des Papstes in Rom ist. Viel westliche Sehnsucht nach Erlösung aus dem Osten, die der „Papst des Ostens“ aber weder erfüllen kann noch erfüllen will. Wie man schnell zur Erleuchtung kommen kann, will einer wissen. Sarkastisch empfiehlt der Dalai Lama: „Lassen Sie sich eine Spritze geben!“.

Auch in Hamburg betont er immer wieder, dass westliche Christen im christlichen Abendland verwurzelt seien und es auch bleiben sollten. Der Mann will niemand bekehren. Er will aber anregen, über mehr Menschlichkeit und Gewaltlosigkeit nachzudenken.

„Das 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Gewalt. Es liegt doch an uns allen, aus dem 21. Jahrhundert ein Jahrhundert des Friedens und der Gerechtigkeit zu machen.“ Der Weg dahin scheint einfach. Der Dalai Lama skizziert ihn so: „Erst wenn wir Frieden in uns haben, können wir einen Beitrag zum Weltfrieden leisten. Das kann jede und jeder.“

Manchem seiner deutschen Zuhörer scheint diese These naiv. Aber gibt es eine Alternative? Die Bergpredigt Jesu mit ihren Seligpreisungen der „Friedenstifter“ und der Forderung nach „Feindesliebe“ ist nicht weniger naiv. „Die Bergpredigt ist ein Überlebensprogramm der Menschheit wie der achtfache Pfad Buddhas,“ hatte mir der Dalai Lama vor 20 Jahren schon gesagt.

Warum aber fühlen sich immer mehr Deutsche – auch viele Christen – vom Charisma und der sanften Lehre des Dalai Lama so angezogen?

Jeder dritte Deutsche hält den Dalai Lama, der noch bis zum Wochenende in Hamburg und Freiburg Vorträge hält, für „den weisesten Menschen der Gegenwart“. Warum vertrauen dem fremden „Gottkönig“ mehr Deutsche als dem deutschen Papst in Rom? Und warum genießt der Buddhismus bei Umfragen in Deutschland mehr Sympathie als das Christentum?

„Ohne Menschen ginge es der Erde besser“, sagte der Dalai Lama in meiner letzten Fernsehsendung und fügte lächelnd – er lächelt fast immer – hinzu: „Aber ich bin Optimist. Wir Menschen können uns ändern.“

Benedikt XVI. ist ein weiser Papst, aber auch ein ängstlich-enger Mensch und Professor für Dogmatik. Er misstraut den Menschen. Ganz anders der Dalai Lama. Die Menschen vertrauen ihm, weil er ihnen vertraut, auch Änderungen zutraut. Das spürt jeder, der ihn kennt oder auch nur hört. Der Papst will missionieren. Der Dalai Lama sagt: „Religion ist nicht so wichtig – Vertrauen ins Leben und ein glückliches Leben sind wichtig. Das ist die wahre Religion.“

Auf meine Frage, was ihn trotz aller Leiden seines Volkes optimistisch stimme, sagt der lebensfrohe Asket: „Gewalt ist immer irrational. Gewaltfreiheit ist langfristig realistischer.“ Deshalb ist sich der Mann zwischen Weisheit und Weltpolitik auch ganz sicher: „Eines Tages wird Tibet frei sein. Wir wollen der ganzen Welt einen neuen, friedlichen Weg zur Freiheit zeigen.“

Er ist der toleranteste aller heute lebenden Religionsführer. In der Schweiz, wo viele tibetische Flüchtlinge leben, fragte ich ihn, ob es ihn störe, dass einige junge Tibeter zum christlichen Glauben übergetreten sind. Seine Antwort ist typisch für seine Toleranz: „Warum solle mich das stören? Wichtig ist doch nicht, welcher Religion ein Mensch angehört. Wichtig ist, dass er glücklich ist. Wenn junge Tibeter in der christlichen Schweiz zum Christentum übertreten und glücklich dabei sind, dann freue ich mich für sie und mit ihnen.“ Kann man sich vorstellen, dass der Papst in Rom ähnlich tolerant denkt und redet wie der Papst des Ostens?

Der Dalai Lama ist ein sanfter Verführer zu mehr menschlichem Glück, der Menschenfischer unserer Zeit. Das Thema Liebe ist das Topthema jeder Religion. Der Papst hat dazu eine streng wissenschaftliche Enzyklika geschrieben. Der Dalai Lama sagt zum selben Thema: „Liebe ist, was jeder Mensch von seiner Mutter mitbekommt.“ Dafür lieben und verehren ihn die Deutschen und fast die ganze Welt.

Politisch ist der Dalai Lama scheinbar ohnmächtig. Er verkörpert die Macht der Ohnmacht. Geistig ist er die unterschätzte Supermacht des 21. Jahrhunderts. Er bewegt die Menschen durch Vertrauen und Menschlichkeit. Für viele Deutsche verkörpert er das Prinzip: Geist ist geil! Im September 2007 erhielt er den Ehrendoktor der Universität Münster.

(Quelle: Franz Alt)

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