Kampf dem Meer-Müll

müllAbertausende Meeresbewohner verenden durch unsere Abfälle
Wie viel Millionen Tonnen Plastikmüll in den Weltmeeren treibt, lässt sich nur schätzen. Seevögel, Fische oder Schildkröten sterben an den Überresten von Plastikteilen – auch im Mittelmeer.  Ozeanograph Robert Groitl tut was dagegen.
Gekonnt steuert Nino La Porta seinen Fischkutter mit gedrosseltem Motor in den Hafen von Livorno. Dort legt er neben dem Segelboot von Robert Groitl an. Frustriert zeigt der toskanische Fischer dem bayerischen Meeresforscher die magere Ausbeute eines ganzen Tages: 20 Kilo Tintenfisch und drei Kisten Meeresschnecken:

„Schau her, das ist alles! Früher brachte ich bis zu 40 Kisten Schnecken nach Hause, heute sind es nur drei. Der Meeresboden ist voller Müll, da kann nichts mehr gedeihen. Manchmal habe ich die Nase gestrichen voll und frage mich, warum ich überhaupt noch rausfahre. Es geht einem nur Plastik ins Netz. Wenn das so weitergeht, werde ich zum Plastikfischer. Und wahrscheinlich essen wir eines Tages dann auch nur noch Plastik.“

In Ansätzen tun wir das längst, klagt hingegen Robert Groitl. Der Meeresforscher und Umweltschützer untersucht für die Fischereigenossenschaft von Livorno in regelmäßigen Abständen, wie viel Kunststoff vor der toskanischen Küste im Meerwasser schwimmt. Die neuen Daten sind erschreckend, sagt er. 100 Gramm Kunststoff pro Quadratmeter Wasseroberfläche. Und von Kollegen in Southampton und Boston weiß er: In der Nordsee und im Nordatlantik sieht es nicht anders aus.

„Die 100 Gramm teilen sich auf in Feststoffe, Folien, Flaschen, die an der Oberfläche sind. Dann Schwebteile aus Plastik, die bei 80 Meter unter Wasser stehen und dann feste Bestandteile, die schwerer sind als Wasser und sinken und eingelagert werden. 20 Gramm ist mittlerweile ein Anteil der mikroskopisch kleinen Bestandteile, die durch die Verwitterung des Plastiks entstehen und durch die mechanische Einwirkung am Strand, am Meeresuntergrund.“

Seit acht Jahren arbeitet Robert Groitl im toskanischen Archipel als Plastikfahnder. Anfangs wollte er nur herausfinden, warum im Delfin-Schutzgebiet vor der Insel Elba immer wieder tote Meeressäuger an Land gespült werden. Schon bald war klar: Mitverursacher ist Kunststoff, der im Wasser treibt. Die neugierigen Delfine verheddern sich mit dem Kopf in einer Plastiktüte und ersticken oder sie sterben an Darmverschluss, weil sie Kunststoffteilchen essen. Und mittlerweile ist auch der Mensch gefährdet, so Robert Groitl.

„Hier geht es im Mikrofaserbereich um Plastikteile, die übers Zooplankton in die Nahrungskette eindringen. Das heißt, wir verzehren den Kunststoff zusammen mit den Fischen, der eingelagert wird beim Fisch. Und das Nächste ist, dass manche Plastikmoleküle, die Kohlenstoffketten, verbinden sich sehr leicht mit Schwermetallen, mit Quecksilber, zum Beispiel mit Chrom, und die Schwermetalle werden auch vom Fisch aufgenommen und dringen in die Futterkette ein.“

Verantwortlich für den Plastikmüll im Meer sind nicht allein die Anrainerstaaten. Untersuchungen der Meeresschutzorganisation Green-Ocean haben ergeben, dass 80 Prozent des Kunststoffes über Flüsse ins Meer gelangt:

„Wir haben zum Beispiel an verschiedenen Flussstaustufen Messpunkte eingerichtet, an der Donau, am Rhein, an der Rhone, am Arno und wir messen dort, was da im Monat durchkommt. An der Donau haben wir, als Beispiel, eine monatliche Belastung von 1,2 Tonnen, was da den Fluss herunterkommt. Das, obwohl nur 20 Kilometer vorher eine weitere Staustufe ist, wo ein Netz den Müll herausfiltert.“

Im vergangenen Jahr konnte Robert Groitl, gemeinsam mit der italienischen Umweltorganisation Legambiente, die Hafenbehörde von Livorno überzeugen, direkt an der Anlegestelle für Fischkutter Sammelcontainer für Kunststoffmüll aufzustellen. Dort können seitdem Berufsfischer wie Nino La Porta den Plastikmüll entsorgen, der während ihrer Arbeit in den Netzen hängen bleibt, und erhalten dafür eine kleine Aufwandsentschädigung. Jetzt plant der bayrische Umweltschützer eine Kunststoff-Sammelaktion im großen Stil:

„Da ist eben unser Lösungsvorschlag, dass man über die Europäische Union Vorschriften herausbringt und die Hafenstädte verpflichtet, Kunststoff von den Fischern aufzukaufen. Wir haben 2,8 Millionen Fischerboote registriert in der EU, die tagtäglich herausfahren und einen riesengroßen Filter hinter sich herziehen, sprich die Netze. Sie schmeißen den Kunststoff nicht wieder ins Wasser, sondern der Kunststoff wird im Hafen den Fischern gegen einen Unkostenbeitrag abgenommen. Der Theorie nach natürlich würde man dann innerhalb von sechs Jahren das Meer wieder reinigen.“

Von Christiane Büld Campetti

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